Stretch Sculpture
Exkurs in den öffentlichen Raum:
die Skulptur Zwischenzeit (2001)
von Gottfried Bechtold
im Südtiroler Landesmuseum Schloss Tirol bei Meran
Auf Einladung der verantwortlichen Architekten Walter Angonese
und Markus Scherer sowie in Zusammenarbeit mit der Kuratorin
Marion Piffer Damiani gestaltete der Künstler den Museumsparcours
auf der Vorburg in Form einer begehbaren Wegskulptur. Wie
bei anderen Künstlern der Ausstellung Stretch Sculpture
kommt auch hier die Technik des Abdrucks zum Einsatz
und damit eine Methode, die sich anders als die Abstraktion
der Wirklichkeit radikal zuwendet, gerade im Kontext
eines historischen Museums jede angemessene Distanz
(Georges Didi-Huberman) subvertiert und den Künstler
als Wanderer zwischen den Zeiten (G. Bechtold)
ausweist.

Zwischenzeit verkörpert auf exemplarische Weise den
Aspekt der zeitgenössischen Skulptur als Erfahrung der Zeit.
Auf Anregung der verantwortlichen Architekten Walter Angonese
und Markus Scherer wird die zeitgenössische Kunst zu einem
konstitutiven Bestandteil des Museumsparcours. Die Anschauungen
und Gesten der eingeladenen Künstler sind nicht als Paralleldiskurs
gedacht, sondern integrieren sich vollkommen in das Ausstellungserlebnis.
Innerhalb dieses spezifischen Bezugsfeldes von Geschichtsforschung
begreifen sich die künstlerischen Arbeiten als ein Angebot
im Spannungsfeld der Perspektiven, als eine Herausforderung
an die Besucher, ihre individuelle Gefühls- und Erfahrungswelt
einzubringen für eine eigensinnige Begegnung mit Geschichte:
zeitgenössische Kunst als ein Stolperstein gegen die Versuchung
einer allzu geradlinigen Erzählung oder als Umsetzung eines
historischen Denkens im Sinne von Walter Benjamins Forderung,
„die Geschichte gegen den Strich zu bürsten“.
Der Künstler entscheidet sich dafür, durch die Rasenfläche
zwischen der steil aufragenden Burgfassade einerseits und
dem freien Blick auf das offene Tal andererseits einen Gehweg
für die Besucher auszulegen. Trapezförmige Betonplatten von
je zwei Metern Seitenlänge definieren das Kompositionsprinzip.
Gleichzeitig
dienen diese Plattenelemente als Bildträger und repräsentieren
eine Unmenge verschiedenster Abdrücke, vom mittelalterlichen
Brautbecher der Margarethe Maultasch bis zu den zeitgenössischen
Reifenspuren eines Mountainbikes, insgesamt eine großräumige
Konstellation künstlich gesetzter Zeichen.
Der Weg als kultureller Archetypus einerseits und der Abdruck
als archäologisches Motiv andererseits bilden die metaphorischen
Grundlagen des Konzepts. Der Schlüssel ist das Beziehungsspiel
im Nebeneinander unterschiedlichster Zeichen und Abdrücke,
Symptome und Identitäten aus vollkommen heterogenen Zeitebenen.
Der rhizomatische Zeitbegriff rettet etwas von der wachsenden
Komplexität der modernen Welt in eine reduktionistische Geschichtspräsentation
hinüber.
Text: Marion Piffer Damiani, Auszug aus
dem Essay des Ausstellungskatalogs

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