Stretch Sculpture
Hans Kupelwieser
Zu den bekanntesten Vertretern der postmedialen Skulptur
in Österreich gehort Hans Kupelwieser. Seine konzeptuellen
medienreflexiven Arbeiten thematisieren den Transformationsprozess
vom Gegenstand zum Bild und umgekehrt, vom in die Fläche
gekippten Plastischen zur Rematerialisierung ins Dreidimensionale.
Es geht um das Oszillieren der Wahrnehmung zwischen Zwei-
und Dreidimensionalität. Die Skulpturen des Künstlers
stehen in enger Verbindung mit der fotografischen Arbeit,
mehr noch, Skulptur und Fotografie bedingen einander, im Brennpunkt
steht die Frage, wie die Objekte unseren Sinnen begegnen.
Ein zentrales Moment des Werks ist das Photogramm, eine mediatisierte
Form des urplastischen Verfahrens des Abdrucks. Hans Kupelwieser
verwendet für seine Bildfindungen einfachste Alltagsgegenstände.
Lebensmittel wie gekochte Spaghetti, Reis, Kartoffel oder
Möbelstücke hinterlassen ihre Spuren auf dem lichtempfindlichen
Substrat des Fotopapiers.

dropped, 2000
Photogrammfoto (Detail) 60 x 84 cm
Die fotografische Dialektik von Präsenz und Absenz, Positiv
und Negativ, Licht und Schatten steht im Brennpunkt des bildnerischen
Werks von Hans Kupelwieser, das fotografische, skulpturale
und konzeptuelle Elemente vereint.
Spätestens als die Fotografien von Bernd und Hilla Becher
auf der Biennale von Venedig 1993 mit dem Preis für Skulptur
ausgezeichnet wurden, steht nicht mehr die abgebildete Realität
im Fokus, sondern die Fotografie als reales Konstrukt. Prämiert
wurde in Venedig nicht die skulpturale Qualität der abgebildeten
Objekte, sondern die fotografische Inszenierung, die der Realität
erst den Körper, dem Schein Wirklichkeit verleiht. Stärker
noch als die Fotografie verweist das Photogramm auf die stoffliche
Qualität des Substrats, auf dem die Gegenstände erscheinen.
Kupelwieser schneidet bisweilen die bildhaften Spuren der
Dinge – etwa der Spaghettogramme – aus und lässt sie in der
Folge dreidimensional in den Raum wachsen: Über die Bildwirklichkeit
werden die Dinge Wirklichkeit.

Spaghettogramme, 2004
Stahl; Installationsansicht (Detail)
Positiv und Negativ, Sein und Schein spielen auch eine Rolle
in den pneumatischen Skulpturen, an denen Hans Kupelwieser
seit dem Beginn der 1990er Jahre arbeitet. Die Gonflables
entstehen durch das Verschweißen dünner Alubleche, die anschließend
mit Luft gefüllt werden.

Blase in der Ecke, 2004
Aluminium aufgeblasen 600 x 50 x 240 cm
Installation Neue Galerie Graz, Hof
Die im Meraner Kunsthaus an die Wand des Stiegenhauses gelehnte
überdimensionierte Blase zieht zunächst zweidimensional in
Form von Aluminiumblechen in das Haus ein, um sich vor Ort
als solides dreidimensionales Objekt auszudehnen und zu entfalten.
Das pneumatische Prinzip erweist sich als Schnittstelle zwischen
Fläche und Raum, allerdings – im Gegensatz zum Ballon – als
irreversibler Prozess: Hat das Material erst einmal seine
plastische Qualität angenommen, persistiert die Sinnlichkeit
des Taktilen, und verschanzt sich das komplexe Ereignis hinter
der manifesten Körperlichkeit, die Idee des Aufblasbaren materialisiert
sich im Schein, der durchschaut werden will: "Ästhetische
Wahrnehmung ist Aufmerksamkeit fur das Geschehen ihrer Objekte",
schreibt Martin Seel - nicht im Sinne einer physischen Manipulation,
sondern in der Vergegenwartigung des wahrnehmenden Prozesses.
Text: Marion Piffer Damiani, Auszug aus
dem einleitenden Essay des Ausstellungskatalogs
|